Kategorie: EU | Länder

Von europäischen Ländern aus gesehen, ist Brüssel nicht das Zentrum Europas

  • EU-Parlamentarierin Hohlmeier zu Ungarn: «Geld nur gegen Reformen»

    EU-Parlamentarierin Hohlmeier zu Ungarn: «Geld nur gegen Reformen»

    Die EU hält Subventionen für Ungarn zurück, weil sich das Land unter der abgewählten Regierung von Viktor Orban immer mehr von einem ordentlichen Rechtsstaat entfernte.

    Während die EU-Kommission den neuen Premier Peter Maygar vorauseilend viel Unterstützung verspricht, mahnt das EU-Parlament zur Vorsicht.

    Die bayrische Christdemokratin Monika Hohlmeier ist Mitglied des Budget-Kontroll-Ausschusses des EU-Parlamentes. In dieser Funktion reiste sie in den letzten Jahren mehrfach nach Ungarn, um vor Ort nachvollziehen zu können, wie und wo EU-Gelder versickern. An sie herangetragen wurden immer wieder Hilferufe von Unternehmerinnen, die unter dem System Orban litten.

    «Der Druck auf diese Menschen war enorm», so Hohlmeier.

    Eine Klein-Unternehmerin habe mehr als 150 Inspektionen überstehen müssen, nur weil ein Oligarch ihr Geschäft in der Innenstadt von Budapest erwerben wollte.

    Die neu gewählte Regierung in Ungarn müsse die unter Viktor Orban etablierten oligarchischen Strukturen zerschlagen.

    «Zu einer freiheitlichen Grundordnung gehört es, dass gewisse Personen mehr oder weniger Vermögen haben. Aber diese oligarchischen Strukturen, zwischen Politik und Wirtschaft Macht zu verteilen, gehören abgeschafft», sagt Monika Hohlmeier.

    Die EU-Abgeordneten fordern dies partei-übergreifend in zahlreichen Berichten – seit Jahren. Entsprechende Forderungen stehen auch in den jährlichen Prüfberichten der EU-Kommission zur Rechtstaatlichkeit in Ungarn, ohne Wirkung. Selbst Urteile des Europäischen Gerichtshofes gibt es, die Viktor Orbans Regierung ignorierte.

    Der neue Premier Peter Maygar verspricht Besserung. Er geniesst zunächst einmal viel Goodwill im EU-Parlament, dem er ja selber angehörte bis zu seiner Wahl zum Premier. Das sei eine gute Ausgangslage, meint Monika Hohlmeier. Sie und ihre Kollegen im Kontroll-Ausschuss blieben aber skeptisch, aus Prinzip.

    «Es kann nicht darum gehen, jemanden politisch punkten zu lassen», warnt Hohlmeier.

    Das EU-Parlament will mögliche Auszahlungen von EU-Geldern sehr kritisch prüfen, weil die EU-Kommission in der Vergangenheit zu viele Kompromisse gegenüber Ungarn einging.

    Ende 2023 gab die Kommission 11 Milliarden Euro frei zugunsten Ungarns. Viktor Orbán verknüpfte damals die EU-Budget-Verhandlungen, inklusive neuer Ukraine-Kredite, mit der Auszahlung von eingefrorenen EU-Geldern. Das Parlament verurteilte den Deal und erhob Klage beim Europäischen Gerichtshof. Der EuGH hat noch kein Urteil gefällt, aber die Generalanwältin stützt in ihrem Gutachten zuhanden der Richterinnen die Haltung des EU-Parlaments.

    «Die Kommission weicht gerne mal aus. Darum werden wir bei Ungarn sehr genaue Fragen stellen. Die neue Regierung muss glaubhaft zeigen, dass es ein Umdenken gibt.»

    Die Zeit dränge zwar, anerkennt Monika Hohlmeier. Aber die Zeit sei ausreichend. Die Partei der Regierung Maygar verfügt über eine absolute Mehrheit im Parlament. In vielen Bereichen genüge es, Dekrete aus Orbans Zeiten einfach abzuschaffen.

    Ohne rechtlich bindende Beschlüsse, werde der Kontroll-Ausschuss keine Gelder freigeben, so Hohlmeier. «Versprechen genügen uns nicht.»

    Der ungarische Premier Peter Maygar wird nach seiner Charme-Offensive bei der EU-Kommission auch beim EU-Parlament noch Überzeugungsarbeit leisten müssen, dass in Ungarn tatsächlich eine neue politischer Ära anbricht.

  • Textil-Recycling: Zwei Mode-Pioniere zeigen, wie es besser gelingt

    Textil-Recycling: Zwei Mode-Pioniere zeigen, wie es besser gelingt

    Seit einem Jahr ist es in der EU verboten, Textilien einfach im Hausmüll zu entsorgen. Doch die Realität sieht ernüchternd aus: Erst 15 Prozent der Altkleider werden in Europa eingesammelt. Die Flut an meist chinesischer Billigmode aus Ultra-Fast-Fashion überflutet den Markt, macht Recycling oft unwirtschaftlich und überlastet die Systeme.

    Die meisten Kleider bestehen aus Polyester oder Mischgeweben, die sich kaum hochwertig wiederverwerten lassen. Gleichzeitig sinken die Preise für Alttextilien, weil das Angebot die Nachfrage bei Weitem übersteigt. Doch es gibt Hoffnung: Zwei innovative Ansätze aus Belgien und Frankreich beweisen, dass nachhaltige Mode und effizientes Recycling möglich sind – wenn man das Problem an der Wurzel packt.

    Loom: Mode, die länger hält und nie Werbung macht

    In Paris setzt das Label Loom auf ein radikales Konzept: Kleider sollen nicht nur nachhaltig produziert, sondern auch so lange wie möglich getragen werden. Statt saisonaler Kollektionen gibt es „Generationen“ – kontinuierlich verbesserte Basics aus Bio-Baumwolle, die nicht aus der Mode kommen. Kundinnen erhalten nach dem Kauf gezielte Rückfragen, wie sich die Qualität verbessern lässt. „Wir wollen, dass unsere Kunden weniger, aber bewusster kaufen“, sagt Gründerin Julia Faure. Loom verzichtet auf Werbung und Rabattschlachten, produziert lokal in Frankreich und. Das Ziel: Ein Kleiderschrank, der nur das Nötigste enthält – und zwar in bester Qualität. Faure ist überzeugt: „Recycling darf nur eine Notlösung sein. Viel wichtiger ist es, von vornherein weniger und besser zu produzieren.“

    Resortecs: Ein schlauer Faden für die Kreislaufwirtschaft

    Während Loom die Überproduktion bekämpft, löst das belgische Start-up Resortecs ein zentrales technisches Problem: Wie lassen sich Kleider effizient in ihre Einzelteile zerlegen? Die Antwort heisst „Smart-Stitch“, ein spezieller Faden, der sich unter Hitze auflöst. Innerhalb von zehn Minuten trennt eine Maschine Jeans in Stoff, Knöpfe, Reissverschlüsse und Nieten – alles sortenrein und wiederverwertbar. Besonders wertvolle Materialien wie Cashmir oder Schutztextilien für Feuerwehrleute lassen sich so gezielt zurückgewinnen. „Kleine Änderungen im Design können grosse Wirkung entfalten“, erklärt Gründer Cédric Vanhoek. Seine Technologie macht Recycling nicht nur möglich, sondern auch wirtschaftlich attraktiv.

    Beide Beispiele zeigen: Echte Kreislaufwirtschaft gelingt nur, wenn Produktion, Design und Konsum neu gedacht werden. Loom beweist, dass Mode-Haus auch ohne Kaufzwang rentabel sein kann, Resortecs, dass Recycling nicht immer nur minderwertiges Downcycling sein muss.

    Vielleicht liegt die Lösung ja nicht im Entsorgen, sondern im bewussteren Umgang mit dem, was wir bereits besitzen.

  • Ultra-Fast-Fashion aus China hebelt die Altkleider-sammlung in der EU aus

    Ultra-Fast-Fashion aus China hebelt die Altkleider-sammlung in der EU aus

    Wir haben das Gefühl, Gutes zu tun, wenn wir unsere alten Kleider, Turnschuhe oder Bettwäsche in einen Altkleider-Container werfen. Das ist eine Täuschung.

    16 Kilogramm Textilien entsorgen wir jedes Jahr, Tendenz steigend. In der Europäischen Union besteht seit einem Jahr die Pflicht, diese zu sammeln. Kleider dürfen nicht mehr im Abfall entsorgt werden.

    Das Gesetz verfehlt allerdings seine Ziele noch bei Weitem: Europaweit beträgt die Sammelquote von Textilien erst 15 Prozent. Europameister im Kleidersammeln sind die Niederlande: Sammelquote 50 Prozent.

    Das sei eine gute Sache, aber eben erst die Hälfte, sagt Johan Jongkind vom gemeinnützigen Unternehmen «Sympany», welches einen Grossteil der Alt-Textilien einsammelt. Das Problem: Bereits heute stürzen in den Niederlanden die Preise, welche Recycling-Unternehmen für Altkleider bezahlen wollen, in den Keller.

    «In den letzten zwei, drei Jahren sind die Preise um 60 Prozent gesunken», erklärt Johann Jongkind. Das gefährdet das Geschäftsmodell von «Sympany». Die Einnahmen aus der Kleidersammlung finanzieren nämlich soziale Projekte im ganzen Land. Alles kommt nun in Schieflage.

    Zwar müssen Textil-Produzenten sich an den Entsorgungskosten beteiligen. Die Pflichtabgabe ist aber zu tief angesetzt.

    «Sympany» ist nun daran, den ganzen Prozess zu automatisieren. Bereits heute sortiert das Unternehmen in den Niederlanden die Textilien nur noch grob und schickt die gepressten Kleiderballen nach Ost-Europa, in die Türkei oder in den Maghreb für die Feinsortierung.

    «Wir müssen unsere Kosten um 80 Prozent senken, um konkurrenzfähig zu bleiben», rechnet Jongkind vor.

    Möglicherweise wir die Rechnung aber nie aufgehen. Denn täglich nimmt die Menge von importierten Billigkleidern aus China zu. Das zeigt sich am Frachtflughafen im belgischen Lüttich, der sich auf E-Commerce spezialisiert hat. Die chinesischen Modeanbieter Shein und Temu gehören zu den grössten Kunden des Flughafens.

    Chinesische Versandhäuser zählen zu den grössten Kunden des Flughafens.

    1.3 Milliarden Tonnen Pakete, meist direkt für private Kundinnen und Kunden, musste der Frachtflughafen verarbeiten. Das sind 15 Prozent mehr als vor einem Jahr. Diese gigantische Flut von Ultra-Fast-Fashion, fast ausschliesslich aus China, die in die EU importiert wird, stellt den ganzen Altkleidermarkt auf den Kopf. Die meist synthetischen Billigkleider sind von so schlechter Qualität, dass sie nicht wiederverwertet werden können. Unternehmen wie «Sympany» bleibt meist nicht mehr übrig, als diese in den Abfall zu werfen. Die Kosten müssen sie selbst tragen.

    Derweilen sinken Preise für Altkleider weiter.

  • Die neue niederländische Regierung: 9 Fragen und 9.5 Antworten

    Die neue niederländische Regierung: 9 Fragen und 9.5 Antworten

    Die neue Regierungskoalition in den Niederlanden steht vor grossen Herausforderungen, insbesondere bei der Umsetzung ihrer Sparpläne und der Suche nach Mehrheiten.

    Ob sie stabil bleibt, hängt davon ab, ob es gelingt, die Oppositionsparteien einzubinden.

    1. Welche Parteien wollen zusammen eine Regierung bilden? Welches ist ihre politische Grundausrichtung?

    D66 (sozialliberal), Volkspartij voor Vrijheid en Democratie VVD (wirtschaftsliberal) und  Christen-Democratisch Appèl CDA (christdemokratisch) bilden eine Minderheitsregierung. D66 setzt auf soziale Reformen und Nachhaltigkeit, die VVD auf wirtschaftliche Freiheit und Sicherheit, während das CDA traditionelle Werte mit sozialer Verantwortung verbindet.

    2. Welches sind die 7 wichtigsten Punkte des „Coalitieakkoord“ der drei Regierungsparteien?

    1. 19 Milliarden Euro für die Verteidigung – Stärkung der NATO und europäische Sicherheitszusammenarbeit.
    2. Sparmassnahmen im Gesundheitswesen – Erhöhung des Eigenrisikos und Kürzung von Sozialleistungen.
    3. Renteneintrittsalter auf 70 Jahre – Anpassung an die steigende Lebenserwartung.
    4. Stickstoffonds und Umweltregeln – Förderung von nachhaltiger Landwirtschaft, aber mit umstrittenen Zwangsmassnahmen, die auf Export ausgerichtete Viehzucht insgesamt zu reduzieren.
    5. Investitionen in Bildung – 1,5 Milliarden Euro zusätzlich für Schulen und Universitäten.
    6. Wohnungsmarkt – Förderung von bezahlbarem Wohnraum und Reform der Mietgesetze.
    7. „Vrijheidsbijdrage“ – Steuererhöhung für Bürger und Unternehmen zur Finanzierung der Verteidigung.

    3. Über wie viele Sitze verfügen die künftigen Regierungsparteien im Parlament?

    In der Zweiten Kammer (150 Sitze) haben D66 26 Sitze, VVD 22 Sitze und CDA 18 Sitzen, zusammen also 66 Sitze. In der Ersten Kammer (75 Sitze) verfügen sie über 22 Sitze.

    4. Über wie viele Sitze verfügen die anderen wichtigen Parteien im Parlament (mehr als 5 Sitze)?

    Zweite Kammer:

    • PVV (Partei für die Freiheit, rechts-populistisch, teilweise rechts-extrem): 26 Sitze
    • GroenLinks-PvdA (Bündnis der Grünen und der Sozialdemokratischen Partei): 20 Sitze
    • JA21 (Gesellschaftlich konservativ, wirtschaftspolitisch liberal): 9 Sitze
    • Forum voor Democratie (rechts-radikal): 7 Sitze

    Erste Kammer:

    • GroenLinks-PvdA: 14 Sitze
    • BBB: 12 Sitze
    • PVV: 4 Sitze
    • JA21: 3 Sitze

    5. JA21 und GroenLinks-PvdA sollen Mehrheitsbeschaffer sein. In welchen Punkten werden sie die Regierungskoalition unterstützen und wo bestehen die grössten inhaltlichen Differenzen?

    Unterstützung:

    • Defensivhaushalt – Beide Parteien befürworten die Erhöhung der Verteidigungsausgaben.
    • Bildungsinvestitionen – Rücknahme von Kürzungen im Bildungsbereich wird begrüsst.

    Differenzen:

    • Sozialleistungen – GroenLinks-PvdA lehnt Kürzungen bei Arbeitslosenhilfe und Rentenalter ab.
    • Umweltpolitik – JA21 ist skeptisch gegenüber strengen Stickstoffregeln, während GroenLinks-PvdA mehr Klimaschutz fordert.

    6. Warum wird die Regierung als „Minderheitsregierung“ bezeichnet?

    Die Koalition hat keine absolute Mehrheit in der Zweiten Kammer (66 von 150 Sitzen). Sie ist je nach Sachgeschäft auf die Unterstützung von Oppositionsparteien wie JA21 oder GroenLinks-PvdA oder anderer Parteien angewiesen, um Gesetze zu verabschieden.

    7. Wie reagieren die Gewerkschaften auf die Pläne der Regierung?

    Die Gewerkschaften kritisieren die Kürzungen bei Sozialleistungen und die Erhöhung des Renteneintrittsalters scharf. Sie befürchten, dass viele Haushalte in finanzielle Not geraten.

    8. Was sind die grössten Herausforderungen für die neue Regierung?

    • Mehrheiten finden – Ohne stabile Unterstützung im Parlament wird das Regieren schwierig.
    • Soziale Spannungen – Die Sparmassnahmen könnten zu Protesten führen.
    • Umsetzung der Umweltziele – Die Stikstoffpläne sind umstritten und könnten auf Widerstand stossen.

    9. Wie bewerten Beobachter die politische Kultur der neuen Koalition?

    Kritiker sehen im Koalitionsabkommen einen visionslosen Kompromiss, der vor allem auf Pragmatismus setzt. Die Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen politischen Lagern wird als schwierig, aber notwendig eingestuft.

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    Die Parlamentswahlen in den Niederlanden enden mit einer kleinen Überraschung.

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    Niederlande: Trotz Regierungsbeteiligung spielt Geert Wilders lieber sein Spiel als Opposition

    Es war absehbar, dass die Niederländische Regierung auseinanderbricht. Ebenfalls nicht überraschend ist der Grund: Die Asyl und Migrationspolitik- das Kernthema von Geert Wilders Partei für Freiheit, die wählerstärkste Partei im niederländischen Parlament.

    Wilders fordert letzte Woche de facto ein Stopp aller Asylverfahren. Nicht umsetzbar, sagen die anderen drei Regierungsparteien – zu Recht.

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