Kategorie: EU | Belgium

  • Das Cello des Holocaust-Opfers Pàl Hermann: Ein Stolperstein im Europäischen Parlament

    Das Cello des Holocaust-Opfers Pàl Hermann: Ein Stolperstein im Europäischen Parlament

    Überall in Europa nimmt der Antisemitismus stark zu. Die Terrorangriffe der Hamas vom 7. Oktober 2023 und die massive militärische Reaktion Israels im Gazastreifen haben diesen Trend verstärkt. Drei-Viertel der europäischen Jüdinnen und Juden verbergen darum zumindest gelegentlich ihre jüdische Identität.

    Der stete Kampf gegen Antisemitismus sei untrennbar mit dem aktiven Erinnern an den Holocaust verbunden, unterstrich bereits die erste Frau an der Spitze des Europäischen Parlaments, die Französin Simone Veil, selber eine Holocaust-Überlebende.

    Im Zentrum der Erinnerungsfeier an den Holocaust im EU-Parlament standen 80 Jahre nach der Befreiung der Deportierten im Vernichtungslager in Auschwitz für einmal nicht Zeitzeuginnen, sondern ein Instrument: Das Cello des Holocaust-Opfers Pàl Hermann.

    Dieses Instrument, untrennbar verbunden mit dem jungen jüdischen Musiker und Komponisten, steht für die Unbesiegbarkeit der Musik. Pàl Hermann wurde von der Hitler-Diktatur umgebracht. Das Cello wurde gerettet, weil der Cellist eine Notiz aus dem Güterwagen werfen konnte, im welchem er deportiert wurde.

    In dieser aussergewöhnlichen Geschichte hat ein Cello den Holocaust überlebt.

    Sendung “International” von Schweizer Radio SRF, vom 24. Mai 2025

    Quellen zur Sendung:

    https://nl.wikipedia.org/wiki/Ouddorp
    https://collections.yadvashem.org/en/names/3184517
    http://www.musiques-regenerees.fr/Pays-Bas/HermannPaul/HermannPaul.html
    https://www.ovomaltine.ch/ueber-ovomaltine/ovomaltine-geschichte
    https://interlude.hk/forgotten-cellists-pal-hermann/
    https://www.english.ox.ac.uk/people/dr-kate-kennedy
    Kate Kennedy, Cello, A Journey Trough Silence and Sound, Head of Zeus, London, 2024
    https://www.europarl.europa.eu/news/en/press-room/20250127IPR26501/meps-commemorate-holocaust-remembrance-day
    https://multimedia.europarl.europa.eu/en/topic/holocaust-commemoration_17608
    https://www.australianworldorchestra.com.au/10231-sam-lucas/
    https://queenelisabethcompetition.be/en/candidates/sam-lucas/5094/
    European Parliament, EPRS, April 2024: Holocaust, Shoah, Hurban: Naming and commemoration the unspeakable. PR 762.297
    https://fra.europa.eu/de/news/2024/juedische-menschen-sind-europa-nach-wie-vor-mit-antisemitismus-gefaehrlichen-ausmasses
    European Commission Com(2024) 476 final: First progress report (…), Brussels, 14.10.2024
    https://cst.org.uk/data/file/d/9/Coronavirus%20and%20the%20plague%20of%20antisemitism.1586276450.pdf
    16/05/1995 Siehe https://multimedia.europarl.europa.eu/en/video/50th-anniversary-of-the-liberation-of-the-concentration-camps-statement-by-simone-veil_EP083238
    https://www.europarl.europa.eu/meps/en/197460/SERGEY_LAGODINSKY/home
    Hermann wohnte an der 19 Rue du Gorp, Toulouse unter dem falschen Namen ‘De Cotigny’ (August 1943); siehe Kate Kennedy, 2024, S.106

  • Energiequelle Atomkraft: Erwartungen und Realität liegen weit auseinander

    Die Energiekrise in Europa wegen des Krieges von Russland gegen die Ukraine hat die europäische Debatte wieder beschleunigt, ob Atomkraft nicht doch wieder eine grosse Zukunft habe, um in der EU die steigende Nachfrage nach Strom zu befriedigen.

    Wichtig wäre eine nüchterne Kosten-Nutzen-Betrachtung. Da sprechen die Fakten im Moment eher gegen die Atomenergie – aus Kostengründen.

    Der Bau neuer Atomkraftwerke ist viel länger als zu Projektbeginn versprochen und die Kosten explodieren. Die Folge: Der aus AKW gelieferte Strom ist nicht konkurrenzfähig und kann nur durch staatlich Preisgarantien “gesenkt” werden. Die Kosten hat die Allgemeinheit zu tragen.

    Die Zeitung Financial Times hat das in einer eindrücklichen Grafik dargestellt.

  • Knotenpunkt-System: Velotouren planen wie einst in Minenstollen

    In den flämischen Steinkohleminen fanden Mineure dank eines Knotenpunkt-Systems ihren Weg durch die Stollen. Heute lassen sich damit Radtouren planen.

    Die Demonstration, dass es nirgends einfacher ist als in Flandern eine kleine Tour auf zwei Rädern zu planen, beginnt mitten im Naturreservat, am Provinz-Bahnhof von Bokrijk. Es liegt im Nordosten von Belgien in Richtung niederländische Grenze.

    Der Start der Velotour liegt bei Knotenpunkt 243. Nächste Etappe ist dann der Knotenpunkt 91. Der liegt 1’850 Meter weiter an der nächsten Wegkreuzung. Zuerst gerade aus, dann rechts abbiegen. Dann wieder links. Bei jedem Abzweiger steht e
in kleines Schild am Wegrand mit Pfeil in Richtung des nachfolgenden Knotenpunktes.

    Vor dem Knotenpunkt 91 wird es spektakulär. Er lässt sich nur mit der Fahrt durch eine Unterwasserbrücke erreichen: Der Radweg führt mitten durch einen Teich.

    Die Tour kann man sich auf dem Mobiltelefon zusammenstellen lassen oder auf einer analogen Karte zusammensuchen: Von Ausgangspunkt Bokrjik, Knotenpunkt 243 bis an das Ziel, Knotenpunkt 249.

    Mitnehmen auf die Tour müssen Radler dann nur einen kleinen Handzettel: Darauf steht die Reihenfolge der anzufahrenden Knotenpunkte: Von 243 nach 91 radeln, dann zu 92, 71, weiter bis 79, rechts abbiegen bis 74, dann 548, 73, 72 und schliesslich 249: das Ziel, Bahnhof Genk.

    Das Besondere an dieser Zahlenreihe: Sie folgen dem ersten Velo-Knotenpunkt-System der Welt. Erfunden hat dieses der Belgier Hugo Bollen, ursprünglich ein Minen-Ingenieur in der Steinkohlemine Genk.

    Als seine Mine 1988 stillgelegt wurde, suchte Bollen nach einer Beschäftigung als Frühpensionierter. Er fuhr gerne Velo und holte das Knotenpunkt-System gewissermassen von ‘unter Tag’ an die Erdoberfläche. Bollen wusste nämlich, dass sich Mineure einst anhand eines Knotenpunkt-Systems orientierten und so ihre weitverzweigten Wege durch dunkle Stollen fanden. Jede Wegkreuzung trägt eine Nummer.

    In Flandern fehlt es bekanntlich nicht an Radwegen. Also entwickelte Hugo Bollen das Velo-Knotenpunkt-System wie ein Minenstollen-System. Die alte Minenregion Limburg erkannt das Potenzial für Touristen und baute das Knotenpunkt-System über die ganze Provinz aus. Das Netz wurde immer weiter ausgelegt.

    Ein weitverzweigtes Knotenpunktsystem

    30 Jahre später umfasst es Tausende Knotenpunkte. Es reicht vom nordfranzösischen Dünkirchen, über ganz Belgien und die Niederlande bis weit nach Osten in die Region Bremen in Norddeutschland. Jede Radwegkreuzung ist mit einer Nummer angeschrieben.

    Vom Ausgangs-Knotenpunkt 243 lässt sich also beispielsweise auch problemlos eine Radroute finden zum Knotenpunkt 5, im Zentrum von Amsterdam.

    Hierfür müsste man beim Knotenpunkt 92 im Naturreservat Bokrjik, anstelle zum Knotenpunkt 71, einfach links abbiegen müssen zum Knotenpunkt 305, dann 300, 316, 308, 309, 274, 5, 248, 247, 245, 241, dann 220, 564, bei 218 scharf links nach 219, dann wieder rechts 33, runter zu 32, 2,96, 95,94,45,91,44,25,56,22…

    Beim 44 wäre aber auch 68,62,64,60,71,29,28, dann zurück zu 22 möglich…

    Oder dann 15 hoch zu 16, was auch wieder zurück auf die ursprüngliche Route führen würde.

    Direkter wäre sogar 12, 14,15,16,18,48,47…

    Anschliessend zu den Knotenpunkten 2,39 98,35 ins Zentrum von Utrecht und weiter durchs Polderland 33,31,30,29, 28 fahren…

    Aber dann eben 71,63,64,56, nach 5 ins Zentrum von Amsterdam! Einfacher geht es wirklich nicht.

  • Belgischer Staat hat in seiner Kongo-Kolonie Verbrechen gegen Métisse-Kinder begangen

    Belgischer Staat hat in seiner Kongo-Kolonie Verbrechen gegen Métisse-Kinder begangen

    Das ist ein grosser Erfolg für fünf Métisse-Frauen, Kinder einer schwarzen Frau und eines weissen Kolonialherren, die seit Jahren um ihre Rechte kämpften.

    Das Berufungsgericht in Brüssel verurteilte am Montag den belgischen Staat wegen der Zwangsunterbringung der fünf gemischtrassigen Mädchen im Kongo vor der Unabhängigkeit 1960 in Waisenhäusern und stellte fest, dass deren „Entführung“ von ihren Müttern „ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ darstellte.

    Das Berufungsgericht kippt das Urteil der ersten Instanz von 2021. „Die auf dieses Verbrechen gestützte Zivilklage der Berufungsklägerinnen ist nicht verjährt“. Der belgische Staat wird verurteilt, den moralischen Schaden der fünf nunmehr über 70-jährigen Frauen zu ersetzen, heisst es in einer Erklärung des Gerichts.

    Fünf Métisse-Frauen klagen gegen den belgischen Staat wegen Verbrechen gegen Menschlichkeit

  • Das Europaquartier in Brüssel soll endlich wohnlicher werden

    Das Europaquartier in Brüssel soll endlich wohnlicher werden


    Im Europa-Quartier in Brüssel treffen sich Ministerinnen, EU-Beamten, Staatspräsidenten und Premierministerinnen.

    Das belebt das Quartier zu Bürozeiten.

    Ausserhalb der Arbeitszeiten der EU-Politikerinnen und europäischen Bürokraten ist das Quartier in den letzten Jahrzehnten aber immer mehr ausgestorben. Nun will die Stadt das Quartier neu beleben, vor allem Wohnraum schaffen.

    Darum hat sie zusammen mit einem Immobilien-Fonds für fast eine Milliarde Euro 20 Bürogebäude der EU-Kommission abgekauft.

    Der Wunsch nach mehr Leben im Zentrum Europas ist nicht neu. Diesmal könnte das Vorhaben aber erfolgreicher sein.

  • Urteil: Verbot von Rechtsberatung für russische Unternehmen ist rechtskonform

    Urteil: Verbot von Rechtsberatung für russische Unternehmen ist rechtskonform

    Unlängst beschloss der Schweizer Ständerat, die Schweiz solle gewisse Russland-Sanktionen wieder aufheben. Es geht um die Rechtsberatung für die russische Regierung oder Unternehmen, die ihren Sitz in Russland haben. Rechtsberatung sei ein Grundrecht. Es sei ein Gebot des Rechtsstaates, dass sich jede angeklagte Person von einem Anwalt beraten lassen könne.

    Das EU-Gericht der EU kommt aber in der gleichen Frage zu einem anderen Schluss.

    Ein belgischer und ein französischer Anwaltsverband erhoben Klage gegen die EU – gegen das Verbot der Rechtsberatung von russischen Staatsangehörigen oder russischen Firmen im Zusammenhang mit den Sanktionen wegen des Angriffskriegs gegen die Ukraine.

    Die obersten Richter der EU weisen die Klagen ab.

    Die Charta der Grundrechte der Europäischen Union anerkenne das Recht auf einen effektiven gerichtlichen Rechtsschutz. Dieses Recht wird nach Ansicht des Gerichts nicht in Frage gestellt.

    Das in den Russland-Sanktionen auferlegte Verbot erfasse nämlich nicht Rechtsberatungsdienstleistungen, im Zusammenhang mit einem Gerichts-, Verwaltungs- oder Schiedsverfahren. Verboten sei nur Rechtsberatung, die keinen Bezug zu einem Gerichtsverfahren hat. Und: Es wendet sich nur gegen die russische Regierung und in Russland niedergelassener Organisationen – nicht Privatpersonen.

    Darum stellten die Sanktionen keinen Eingriff in den Schutz des anwaltlichen Berufsgeheimnisses dar. Weiter: Nach Auffassung des Gerichts verfolgt das fragliche Verbot für Rechtsberatung, dem “Gemeinwohl dienende Ziele, ohne die grundlegende Aufgabe der Anwälte in einer demokratischen Gesellschaft anzutasten”.

    Dieses Urteil entkräftet zentrale Argumente, wie sie letzte Woche im Ständerat vorgebracht wurden. Das Geschäft muss demnächst vom Nationalrat beraten werden. Das Urteil des obersten Gerichts der EU ist keinesfalls bindend für die Schweiz.

    Die Befürworter einer strikten Umsetzung der Russland-Sanktionen finden im Urteil des EU-Gerichts aber einen ganzen Katalog von wichtigen Argumente, dem Ständerat zu wiedersprechen.