Schlagwort: Energie

  • Energiequelle Atomkraft: Erwartungen und Realität liegen weit auseinander

    Die Energiekrise in Europa wegen des Krieges von Russland gegen die Ukraine hat die europäische Debatte wieder beschleunigt, ob Atomkraft nicht doch wieder eine grosse Zukunft habe, um in der EU die steigende Nachfrage nach Strom zu befriedigen.

    Wichtig wäre eine nüchterne Kosten-Nutzen-Betrachtung. Da sprechen die Fakten im Moment eher gegen die Atomenergie – aus Kostengründen.

    Der Bau neuer Atomkraftwerke ist viel länger als zu Projektbeginn versprochen und die Kosten explodieren. Die Folge: Der aus AKW gelieferte Strom ist nicht konkurrenzfähig und kann nur durch staatlich Preisgarantien “gesenkt” werden. Die Kosten hat die Allgemeinheit zu tragen.

    Die Zeitung Financial Times hat das in einer eindrücklichen Grafik dargestellt.

  • Die EU Solarindustrie braucht keine Industriepolitik und keinen Heimatschutz

    Die EU Solarindustrie braucht keine Industriepolitik und keinen Heimatschutz

    China flutet seit Jahren den europäischen Markt mit Solarpanels zu Dumpingpreisen und drängt europäische Hersteller aus dem Markt. Derweilen locken die USA mit enormen Steuererleichterungen europäische Green-Tech-Unternehmen, Produktionsstätten in die USA zu verlagern.

    Die Europäische Union sucht daher verzweifelt eine industriepolitische Gegenstrategie, um zumindest in Teilen der Solarbranche einen gewissen Heimatschutz zu gewähren.

    Die neue Losung in der EU-Industriepolitik heisst Widerstandsfähigkeit, um die hohe Abhängigkeit von China zu reduzieren. Den Niedergang des Produktionsstandortes Europa wird sich aber kaum aufhalten lassen. Aus gutem Grund.

    Dries Ackes Büro liegt in Brüssel gleich gegenüber dem Gebäude der EU-Kommission. An dessen Fassade hängt ein riesiges Werbe-Plakat für grünen Strom aus europäischen Solar-Panels: Re-Power Europe! Der stellvertretende Direktor des Branchenverbands SolarPower Europe blickt sorgenvoll aus dem Fenster.

    “Die Frage ist, ob es in 18 Monaten noch europäische Hersteller von Solarpanels gibt”, meint Dries Acke.

    Innerhalb von 15 Jahren hat die europäische Solarindustrie fast alles verloren.
    Drei von vier Solarmodulen werden aus China importiert. Bei einzelnen Komponenten liegt der Marktanteil chinesischer Hersteller bei nahezu 100 Prozent.
    Die Herstellung von Solarzellen ist in China um ein Drittel bis Zweidrittel billiger als in Europa.

    Doch diese Entwicklung sei auch von Vorteil für Europa, kommentiert Simone Tagliapietra die chinesische Dominanz. Der Professor für Energiepolitik forscht für die wirtschafts-liberale Denkfabrik Bruegel.

    Dank billiger Solarpanels aus China, schaffte die EU schneller als erwartet den Umstieg auf eine nachhaltigere Stromproduktion. Noch nie wurden in Europa mehr Solarpanels ans Stromnetz angeschlossen als in diesem Jahr.

    “Billig-Importe von Solarpanels aus China helfen der EU, ihre Klimaziele zu erreichen”, gibt er zu bedenken.

    Kehrseite der Entwicklung ist allerdings die enorme Abhängigkeit von China.
    Darum will die EU nun in den Markt eingreifen. Die EU-Kommission will den Mitgliedsstaaten vorschreiben, dass bereits in fünf Jahren 40 Prozent der Solar-Panels wieder aus der EU stammen müssen – dank öffentlicher Beschaffung, exklusiv bei europäischen Herstellern.

    Dries Acke vom Branchenverband SolarPower Europe glaubt darum an eine Trendwende, an das Ende des steilen Abstiegs der europäischen Solarindustrie:

    Die EU brauche eine Rückversicherung, falls die Lieferketten aus China abbrechen würden; das verteuere die Beschaffung, sei aber nötig, so Acke.

    Experten halten die politisch motivierte Vorgabe von 40 Prozent Selbstversorgung mit Solar-Technologie Made in Europe für unrealistisch. Für Energie-Experte Simone Tagliapietra zielt diese Art von Industriepolitik ins Leere.

    Chinesische Planwirtschaft durch europäische Planwirtschaft zu ersetzen, bringe gar nichts.

    Das Problem sei nämlich nicht der Preis der Solarpanels, sondern die Abhängigkeit von chinesischen Lieferanten. Besser sei es darum, das Risiko zu beschränken, von China mit einem Lieferstopp unter politischem Druck zu geraten.
    Die EU sollte lieber Innovationen fördern, anstatt alte Technologien zu subventionieren, meint Tagliapietra.

    Sinnvoller sei auch, gezielt Solarmodule zu importieren von Herstellern ausserhalb von China; in Indien zum Beispiel oder anderswo.

    Genau das sieht der Plan der EU-Kommission bisher aber nicht vor. Dieser schlägt lieber Milliarden Euro staatlicher Subventionen vor.

    Es sind nun die EU-Staaten und das neu gewählte EU-Parlament, welche Alternativen zum Vorschlag der Kommission ausarbeiten können, um die problematische Abhängigkeit von China zu reduzieren.

    Gut möglich, dass dies gelingt, denn viele EU-Länder müssen ihre Ausgaben zurückfahren, um Schulden zu tilgen. Es ist der falsche Zeitpunkt, um mit viel Geld die europäische Solarbranche künstlich am Leben zu erhalten.

    Was in Europa fehlt, sind Mitarbeitende, die chinesische Solarmodule massenhaft installieren. Deren Ausbildungskosten könnte die EU-Kommission ja übernehmen…

  • Cleantech ‘Made in Europa’ ist nicht realistisch

    Bei der Produktion von Solarpanelen ist alles verloren – an China-, anderswo sieht es besser aus…

    Der Think Tank Bruegel hat verdientermassen hinter die Schlagzeilen geblickt.

    Die EU-Kommission gibt sich ja vor, dass die EU im Cleantech-Sektor einen neuen industriellen Aufschwung erleben darf.

    Das Gesetz will Investitionen anregen und bessere Bedingungen für den Cleantech-Markt in Europa schaffen. Bis 2030 soll die EU mindestens 40 % ihres jährlichen Bedarfs an sauberen Technologien selbst decken können. So werden die Klima- und Energieziele der EU für 2030 und das Klimaneutralitätsziel für 2050 erreichbarer. Die europäische Wirtschaft wird wettbewerbsfähiger, hochwertige Jobs entstehen – und die EU wird in puncto Energie unabhängiger.

    EU-Kommission

    Die liberalen Ökonomen halten diese pauschale Vorgabe für unsinnig, denn je nach Sektor sind die Vorgaben nie zu erreichen oder dann viel zu wenig ambitioniert.

    Hier mehr:

    https://datawrapper.dwcdn.net/0r6dT/4/
  • Längere Laufzeiten: Umweltbewusste AKW- Gegner sollten applaudieren!

    Gelegentlich gilt es komplizierte Entscheidungen zu fällen – für das Gewissen.

    Belgiens und Deutschlands Regierung haben beschlossen, je zwei AKW länger am Netz zu halten, als vorgesehen.

    Tihange 3 and Doel 4 in Belgien und Neckarwestheim 2 and Isar 2 blieben am Netz. Darum sinkt der Gasverbrauch in der EU (oder in diesen beiden Ländern um 5.71 bcm/Jahr (Daten: Bruegel).

    Fürs Klima ist das eine gute Nachricht, weil damit auch viel Co2 eingespart wird.

    Gelegentlich gilt es, sich für das kleinere Übel zu entscheiden, so schwer es einem fällt.

  • Gasverbrauch: EU-Staaten sparen erst halb so viel ein, wie versprochen

    Gasverbrauch: EU-Staaten sparen erst halb so viel ein, wie versprochen

    Gaspreisdeckel? Dringlicher wäre es, den Gaskonsum zu senken.

    Das lässt sich aus den neusten Zahlen des Gas-Konsum-Monitors (“European natural gas demand tracker”) des Brüsseler Think Tank Bruegel schliessen.

    Von Januar 2002 bis September 2022 haben alle EU-Staaten gemeinsam ihren Gas-Verbrauch erst um -7 Prozent reduziert. Die EU-Energieminister haben sich aber dazu (selbst)-verpflichtet in jedem Land, 15 Prozent weniger Gas zu verbrennen.

    Die Musterschülerinnen:

    LandTotal Reduktionfür StromerzeugungHaushalteIndustrie
    Finnland-53%-58%-50%-50%
    Lettland-30%-70%-7%-7%
    Litauen-23%-62%-22%-22%
    Dänemark/Schweden-20%-11%-21%-21%
    Estland-20%-21%-21%
    Deutschland-11%-3%-16%-9%
    Datenquelle: Bruegel, 11. Oktober 2022

    Die schlechten Vorbilder:

    LandTotal Reduktionfür StromerzeugungHaushalteIndustrie
    Kroatien+8%+36%+3%+3%
    Slowakei+4%-40%+10%+10%
    Griechenland+3%+9%-5%-5%
    Spanien+2%+21%-8%-8%
    Frankreich-1%+46%-12%-3%
    Datenquelle: Bruegel, 11. Oktober 2022

    Daten bei Bruegel

  • Warum ein Preis-Deckel auf Gas in der EU nur wenig Probleme löst

    Inzwischen ist es eine Mehrheit von EU-Regierungen, die von der EU-Kommission einen Vorschlag wünschen, wie in der Europäischen Union eine Preis-Obergrenze für Gas eingeführt werden soll.

    Die EU-Energieminister wollen bis Ende September in dieser Sache entscheiden.

    Was nach einer einfachen Lösung tönt, ist in Tat und Wahrheit nur scheinbar eine Lösung für ein dringliches Problem.

    Wie könnte ein Preisdeckel auf Gas-Importe überhaupt funktionieren?

    Logisch wäre es, wenn die EU-Länder eine fixe Obergrenze auf Gasimporte festlegen würden. Zum Beispiel könnte man den mittleren Gaspreis der letzten drei oder fünf Jahre nehmen als Referenz.

    Dann droht aber ein Versorgungsengpass. Denn, wer Gas verkauft, kann das aktuell ja zu einem höheren Preis tun. Also würden Abnehmer von Gas in anderen Weltregionen einen höheren Preis bieten. Verkäufer liefern das Gas nicht mehr nach Europa, sondern anderswo hin.

    Darum will die EU eher einen dynamischen Preisdeckel einführen. Die EU-Länder würden einfach immer etwas mehr bieten als die anderen Akteure auf dem globalen Gasmarkt.

    Der Preis würde dann deutlich tiefer sein als im Moment. Aktuell überbieten sich nämlich sogar EU-Länder unter einander, um ihre Gasspeicher (fast um jeden Preis) zu füllen.

    Warum wurde der Preisdeckel nicht schon lange eingeführt in der EU?

    Berechtigte Frage. Die Antwort ist einfach und kompliziert zugleich.

    Die einfache Antwort: Die EU-Länder haben nicht entschieden, weil sie sich nicht einig sind, nicht einmal, ob das überhaupt auf EU-Ebene zu lösen ist.

    Die komplizierte Antwort: Die EU-Länder haben gemerkt, dass ein Preisdeckel auf Gasimporte neue Fragen stellt, die ebenfalls noch nicht geklärt sind unten den Mitgliedsländern der EU.

    Beim Beschaffen von Corona-Impfstoffen war es nämlich relativ einfach: Jedes EU-Land sagte, wie viel Dosen es bestellen will. Dann hat die EU-Kommission alle Bestellungen zusammengenommen und im Namen von allen eingekauft (wobei alle in die Preisverhandlungen eingebunden waren). Dann wurde zentral geliefert und verteilt, so wie abgemacht.

    Beim Preisdeckel für Gas ist es aber wesentlich komplizierter.

    Zuerst einmal: Wer bestimmt die dynamische Obergrenze und ist diese überhaupt verpflichtend für alle EU-Staaten, also einklagbares EU-Recht. Die EU hat aktuell gar nicht das Recht, das zu bestimmen, weil bisher die EU-Staaten das autonom entscheiden wollten, jeder für sich.

    Angenommen, es herrsche trotzdem Einigkeit und Disziplin unter allen EU-Staaten, alle hielten sich auf eine solche dynamische Preis-Obergrenze. In diesem Fall würde ja jeder EU-Staat gleich viel zahlen für das bestellt Gas, wie alle anderen.

    Jetzt müssten sich die EU-Staaten auch einig werden, wie das zentral eingekaufte Gas mit einer Obergrenze verteilt wird. Nach welchen Regeln wird das Gas verteilt? Es bestehen keine solche Regeln, schon gar nicht entsprechende EU-Gesetze.

    Und dann stellen sich noch technische Fragen. Wie lässt sich sicherstellen, dass das Gas dann auch entsprechend (wie abgemacht) in das jeweilige Land geliefert wird? Und was, wenn ein Land gar keine Speicherkapazitäten hat? Viele EU-Länder haben keine eigenen Gas-Speicher (die Schweiz hat auch keine nennenswerte Speicherkapazitäten).

    Und welche Lieferpflicht gilt nun, wenn ein Land für die Nachbarn gerne Gas speichert. Aber, was darf das kosten? Und was, wenn dann das Land zuerst seine nationale Nachfrage deckt und dann vielleicht gar nicht mehr ausreichend viel Gas an den Nachbarn liefern kann. Was passiert im Streitfall?

    Wäre die Regierung in Deutschland bereit, ihren privaten Automobil-Unternehmen vorzuschreiben, wie viel Gas sie verbrennen dürfen, weil ein Teil des gespeicherten Gases in ein anderes EU-Land weitergeleitet werden muss?

    Das ist nur eine kleine Auswahl von Fragen, die sich stellen und die noch nicht geklärt sind.

    Es lässt sicher erkennen: Die vermeintlich grosse europäische Solidarität kennt nationale Grenzen, rasch einmal.

    Darum können die EU-Energieminister gerne einen Preisdeckel für Gasimporte (primär Flüssiggasimporte, also LNG) beschliessen.

    Vorher sollten sie aber noch ein paar dringlichere Fragen klären.

    Vielleicht müsste man auch die Europäische Union vorher umbauen.

    Vielleicht dauert es darum noch einen Moment, bis der Gas-Preis-Deckel Realität ist.