Schlagwort: Handelspolitik

  • EU-Parlament setzt sich durch: EU-USA-Handelsabkommen mit Schutzklauseln

    EU-Parlament setzt sich durch: EU-USA-Handelsabkommen mit Schutzklauseln

    In der Umsetzung des Zoll-Abkommens zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union kommt die EU einen wichtigen Schritt voran. Das EU-Parlament, Mitgliedstaaten und die EU-Kommission einigten sich darauf, Zölle für US-Industrie-Produkte weitgehend abzuschaffen. Das Parlament bestand aber auf Schutzmassnahmen, für den Fall,dass US-Präsident Donald Trump die Vereinbarung nicht einhält.

    Das Handelsabkommen zwischen der EU und den USA ist alles andere als ausgewogen, sagt Bernd Lange, der Vorsitzende des Handels-Ausschusses im EU-Parlament.

    «Ich würde das nachwievor nicht als guten Deal bezeichnen.»

    Die EU schafft Industriezölle auf US-Produkte ab. Und akzeptiert im Gegenzug Zölle auf die meisten EU-Exporte in die USA von 15 Prozent.

    Im besten Fall werden die Handelsbeziehungen nun etwas berechenbarer.

    Weil es aber auch darüber keine Sicherheit mehr gibt, bestand das EU-Parlament auf zwei Schutzmechanismen, welche Kommission und Mitgliedstaaten verhindern wollten: Einerseits wurde eine Klausel eingefügt, nach der die EU die Zölle
    erst dann senken würde, wenn die USA ihren Teil der Abmachung erfüllen.

    Andererseits erhält das für die USA vorteilhafte Zollabkommen ein Ablaufdatum. Es endet Ende 2029, ein Jahr nach den Präsidentschaftswahlen in den USA.

    Das EU-Parlament setzt damit ein Zeichen: Anders als in den USA werden in der EU Handelsabkommen in einem demokratischen Prozess beschlossen und berücksichtigen geltende Welthandelsregeln.

    Bis Ende Juni müssen nun das Parlament und die EU-Mitgliedsstaaten allen Gesetzesänderungen noch zustimmen. Die Zeit drängt, weil Präsident Trump der EU ein Ultimatum bis zum 4. Juli setzte.

    Die EU-Gesetzgeber hatten die Umsetzung des Handelsabkommens zuvor zweimal unterbrochen, nachdem Trump der EU mit neuen Zöllen gedroht hatte.

  • Die EU setzt auf Stahl-Protektionismus – die Schweizer muss sich neu ausrichten

    Die EU setzt auf Stahl-Protektionismus – die Schweizer muss sich neu ausrichten

    Die Kontingente für Stahl, die zollfrei in die EU importiert werden können, werden ab Juli dieses Jahres halbiert. Der Zoll auf Einfuhren von Stahl wird in der EU nahezu verdoppelt, auf 50 Prozent.

    Schutz der EU-Stahlindustrie vor billiger Konkurrenz

    Das Europäische Parlament hat schärfere Regeln zum Schutz der EU-Stahlindustrie vor billiger Konkurrenz aus Ländern wie China beschlossen. Eine grosse Mehrheit der Abgeordneten stimmte in Strassburg dafür, dass deutlich weniger Stahl zollfrei in die EU eingeführt werden darf und darüber hinausgehende Importe mit einem höheren Strafzoll als bisher belegt werden. Die Neuregelung war zuvor mit den Mitgliedstaaten ausgehandelt worden, welche nun ihre definitive Zustimmung geben müssen.

    Diese drastischen Schutzmassnahmen für die Stahlproduzenten in der EU erhalten im EU-Parlament eine fast uneingeschränkte Zustimmung; von allen Parteien; aus allen Mitgliedstaaten. Es applaudieren die Wirtschaftsverbände und der europäische Gewerkschaftsbund.

    «Endlich», «höchste Zeit», «vorbei die Zeit der Naivität», «Europa muss seine Industrie schützen». Bei keiner anderen Sache ist im Plenum soviel Übereinstimmung zu hören.

    Unbestritten die Diagnose

    Dies, weil die Diagnose unbestritten ist: China, aber auch Indien oder die Türkei schwemmen den EU-Stahlmarkt mit Billigprodukten zu Dumpingpreisen. Die globalen Überkapazitäten bei der Produktion übersteigen die europäische Nachfrage beim Stahl um das Fünffache. Das kostet Hunderttausende Arbeitsplätze in Europa. Darum das explizite Bekenntnis aller Parteien und Verbände zum wettbewerbsverzerrenden Protektionismus in der EU.

    Erklären lässt sich die Abkehr von der Freihandels-Doktrin in der EU zudem mit den aktuellen geopolitischen Verwerfungen. Die Stahlbranche gilt als strategisch: Für den Bau von kritischer Infrastruktur, für die Rüstungsindustrie oder für die europäische Automobilindustrie.

    Das Vertrauen auf die ordnende Hand des Wettbewerbs war falsch, so der breite Konsens im Parlament.

    An Begehrlichkeiten fehlt es nicht

    Die Schweiz als Nicht-Mitglied der EU und des EWR wird folglich bestraft. Das ist unfair. Das streitet in der EU niemand ab. Mit massgeschneiderten Frei-Kontingenten soll das Schlimmste erträglich gemacht werden, verspricht die EU-Kommission. Der Status quo wird aber nicht zu halten sein.

    Zu denken geben sollte der Schweizer Politik, dass im Europäischen Parlament – wiederum politisch breit abgestützt – ohne Hemmungen gefordert wird, dass der Protektionismus auf weitere Branchen ausgeweitet werden soll: Auf die Rüstungsindustrie, auf die Autoindustrie, Batterien oder Windturbinen. Es fehlen nicht Begehrlichkeiten. Noch mehr Protektionismus ist wahrscheinlich.

    Politik muss Orientierung bieten

    Das sind schlechte Nachrichten für die Schweizer Exportindustrie, die ja vor allem eine Exportindustrie in die EU ist. Bundesrat und Parlament in der Schweiz dürfen die Kehrtwende in der EU mit Recht laut kritisieren. Das ist aber nicht ausreichend. Die eidgenössische Politik muss nun konkrete Lösungswege aufzeigen, wie sich der Schweizer Industriestandort entlang dieser neuen Realitäten zu orientieren hat. Die Musterschülerin zu spielen, die weiter auf globalen Freihandel pocht, hilft wenig.

    Innenpolitisch gilt es zu klären, wie die Schweiz der EU entgegenkommen kann. Die im Freihandelsabkommen fehlende Streitschlichtung hat negative Folgen für die Schweizer Stahlindustrie. Was der Schweiz fehlt, sind verbindliche Mechanismen des Interessensausgleiches mit der EU. Das spricht für das Modell eines Schiedsgerichts, wie es im neuen bilateralen Vertragspaket vorgesehen ist. Der Protektionismus der EU im Stahlsektor könnte die Vorteile für die Schweiz nicht besser illustrieren.

  • Die EU kann sich gegen US-Zölle verteidigen und wird dennoch viel verlieren

    Die EU kann sich gegen US-Zölle verteidigen und wird dennoch viel verlieren

    Zuerst Zölle auf Stahl und Aluminium-Importe in die USA, dann einen generellen Zollaufschlag von 20 Prozent auf Importe aus der EU, weitere Zölle auf Auto-Importe und schon angedroht auch auf Holz, Pharmaprodukte u.a. – die US-Regierung Trump II wirft den Welthandel aus dem Gleichgewicht.

    Die EU gibt sich kämpferisch und will noch auf Verhandlungen hoffen.

    Immerhin: Sie hat sich Instrumente gegeben unter Trump I, die nun helfen könnten, den Schaden in Grenzen zu halten. Kann sich die EU wirklich zur Wehr setzen? Meine Einschätzung vom 3. April 2025 für SRF4News.

  • Freihandel mit Südamerika soll in der EU doch noch Realität werden

    Freihandel mit Südamerika soll in der EU doch noch Realität werden

    Die EU sucht Wege, wirtschaftlich vom Rivalen China unabhängiger zu werden. Die Lieferketten der europäischen Industrie sollen daher breiter, globaler abgestützt werden. Eine zentrale Rolle kommt dabei Südamerika zu.

    2019 unterzeichnete die EU mit den Mercosur-Staaten ein Freihandelsabkommen. Zu den Mercosur-Staaten zählen Brasilien, Argentinien, Paraguay, Uruguay und Venezuela, denn Mitgliedschaft allerdings suspendiert wurde.

    In Kraft getreten ist es nie – zu gross war die Ablehnung in mehreren EU-Staaten.

    Nun, da Spanien im zweiten Halbjahr die EU-Rats-Präsidentschaft übernimmt, soll in einem zweiten Ablauf die riesige Freihandelszone doch noch geschaffen werden.

  • Warum ein Preis-Deckel auf Gas in der EU nur wenig Probleme löst

    Inzwischen ist es eine Mehrheit von EU-Regierungen, die von der EU-Kommission einen Vorschlag wünschen, wie in der Europäischen Union eine Preis-Obergrenze für Gas eingeführt werden soll.

    Die EU-Energieminister wollen bis Ende September in dieser Sache entscheiden.

    Was nach einer einfachen Lösung tönt, ist in Tat und Wahrheit nur scheinbar eine Lösung für ein dringliches Problem.

    Wie könnte ein Preisdeckel auf Gas-Importe überhaupt funktionieren?

    Logisch wäre es, wenn die EU-Länder eine fixe Obergrenze auf Gasimporte festlegen würden. Zum Beispiel könnte man den mittleren Gaspreis der letzten drei oder fünf Jahre nehmen als Referenz.

    Dann droht aber ein Versorgungsengpass. Denn, wer Gas verkauft, kann das aktuell ja zu einem höheren Preis tun. Also würden Abnehmer von Gas in anderen Weltregionen einen höheren Preis bieten. Verkäufer liefern das Gas nicht mehr nach Europa, sondern anderswo hin.

    Darum will die EU eher einen dynamischen Preisdeckel einführen. Die EU-Länder würden einfach immer etwas mehr bieten als die anderen Akteure auf dem globalen Gasmarkt.

    Der Preis würde dann deutlich tiefer sein als im Moment. Aktuell überbieten sich nämlich sogar EU-Länder unter einander, um ihre Gasspeicher (fast um jeden Preis) zu füllen.

    Warum wurde der Preisdeckel nicht schon lange eingeführt in der EU?

    Berechtigte Frage. Die Antwort ist einfach und kompliziert zugleich.

    Die einfache Antwort: Die EU-Länder haben nicht entschieden, weil sie sich nicht einig sind, nicht einmal, ob das überhaupt auf EU-Ebene zu lösen ist.

    Die komplizierte Antwort: Die EU-Länder haben gemerkt, dass ein Preisdeckel auf Gasimporte neue Fragen stellt, die ebenfalls noch nicht geklärt sind unten den Mitgliedsländern der EU.

    Beim Beschaffen von Corona-Impfstoffen war es nämlich relativ einfach: Jedes EU-Land sagte, wie viel Dosen es bestellen will. Dann hat die EU-Kommission alle Bestellungen zusammengenommen und im Namen von allen eingekauft (wobei alle in die Preisverhandlungen eingebunden waren). Dann wurde zentral geliefert und verteilt, so wie abgemacht.

    Beim Preisdeckel für Gas ist es aber wesentlich komplizierter.

    Zuerst einmal: Wer bestimmt die dynamische Obergrenze und ist diese überhaupt verpflichtend für alle EU-Staaten, also einklagbares EU-Recht. Die EU hat aktuell gar nicht das Recht, das zu bestimmen, weil bisher die EU-Staaten das autonom entscheiden wollten, jeder für sich.

    Angenommen, es herrsche trotzdem Einigkeit und Disziplin unter allen EU-Staaten, alle hielten sich auf eine solche dynamische Preis-Obergrenze. In diesem Fall würde ja jeder EU-Staat gleich viel zahlen für das bestellt Gas, wie alle anderen.

    Jetzt müssten sich die EU-Staaten auch einig werden, wie das zentral eingekaufte Gas mit einer Obergrenze verteilt wird. Nach welchen Regeln wird das Gas verteilt? Es bestehen keine solche Regeln, schon gar nicht entsprechende EU-Gesetze.

    Und dann stellen sich noch technische Fragen. Wie lässt sich sicherstellen, dass das Gas dann auch entsprechend (wie abgemacht) in das jeweilige Land geliefert wird? Und was, wenn ein Land gar keine Speicherkapazitäten hat? Viele EU-Länder haben keine eigenen Gas-Speicher (die Schweiz hat auch keine nennenswerte Speicherkapazitäten).

    Und welche Lieferpflicht gilt nun, wenn ein Land für die Nachbarn gerne Gas speichert. Aber, was darf das kosten? Und was, wenn dann das Land zuerst seine nationale Nachfrage deckt und dann vielleicht gar nicht mehr ausreichend viel Gas an den Nachbarn liefern kann. Was passiert im Streitfall?

    Wäre die Regierung in Deutschland bereit, ihren privaten Automobil-Unternehmen vorzuschreiben, wie viel Gas sie verbrennen dürfen, weil ein Teil des gespeicherten Gases in ein anderes EU-Land weitergeleitet werden muss?

    Das ist nur eine kleine Auswahl von Fragen, die sich stellen und die noch nicht geklärt sind.

    Es lässt sicher erkennen: Die vermeintlich grosse europäische Solidarität kennt nationale Grenzen, rasch einmal.

    Darum können die EU-Energieminister gerne einen Preisdeckel für Gasimporte (primär Flüssiggasimporte, also LNG) beschliessen.

    Vorher sollten sie aber noch ein paar dringlichere Fragen klären.

    Vielleicht müsste man auch die Europäische Union vorher umbauen.

    Vielleicht dauert es darum noch einen Moment, bis der Gas-Preis-Deckel Realität ist.

  • Novum in der EU-Aussenpolitik

    Die Europäische Union geht einen kleinen Schritt weiter in Richtung Weltmacht. Die EU-Kommission soll künftig schneller und einfacher Wirtschaftssanktionen verhängen können, wenn ein Land die EU oder ein EU-Mitgliedstaat politisch unter Druck zu setzen versucht. Erstmals würde der Beschluss solcher Sanktionen keine Einstimmigkeit mehr unter den 27-EU-Staaten benötigen.

    Echo der Zeit – https://www.srf.ch/play/radio/redirect/detail/b9c902bd-a165-4361-8d9f-8ed858381dcb