Autor: Charles Liebherr

  • Die neue niederländische Regierung: 9 Fragen und 9.5 Antworten

    Die neue niederländische Regierung: 9 Fragen und 9.5 Antworten

    Die neue Regierungskoalition in den Niederlanden steht vor grossen Herausforderungen, insbesondere bei der Umsetzung ihrer Sparpläne und der Suche nach Mehrheiten.

    Ob sie stabil bleibt, hängt davon ab, ob es gelingt, die Oppositionsparteien einzubinden.

    1. Welche Parteien wollen zusammen eine Regierung bilden? Welches ist ihre politische Grundausrichtung?

    D66 (sozialliberal), Volkspartij voor Vrijheid en Democratie VVD (wirtschaftsliberal) und  Christen-Democratisch Appèl CDA (christdemokratisch) bilden eine Minderheitsregierung. D66 setzt auf soziale Reformen und Nachhaltigkeit, die VVD auf wirtschaftliche Freiheit und Sicherheit, während das CDA traditionelle Werte mit sozialer Verantwortung verbindet.

    2. Welches sind die 7 wichtigsten Punkte des „Coalitieakkoord“ der drei Regierungsparteien?

    1. 19 Milliarden Euro für die Verteidigung – Stärkung der NATO und europäische Sicherheitszusammenarbeit.
    2. Sparmassnahmen im Gesundheitswesen – Erhöhung des Eigenrisikos und Kürzung von Sozialleistungen.
    3. Renteneintrittsalter auf 70 Jahre – Anpassung an die steigende Lebenserwartung.
    4. Stickstoffonds und Umweltregeln – Förderung von nachhaltiger Landwirtschaft, aber mit umstrittenen Zwangsmassnahmen, die auf Export ausgerichtete Viehzucht insgesamt zu reduzieren.
    5. Investitionen in Bildung – 1,5 Milliarden Euro zusätzlich für Schulen und Universitäten.
    6. Wohnungsmarkt – Förderung von bezahlbarem Wohnraum und Reform der Mietgesetze.
    7. „Vrijheidsbijdrage“ – Steuererhöhung für Bürger und Unternehmen zur Finanzierung der Verteidigung.

    3. Über wie viele Sitze verfügen die künftigen Regierungsparteien im Parlament?

    In der Zweiten Kammer (150 Sitze) haben D66 26 Sitze, VVD 22 Sitze und CDA 18 Sitzen, zusammen also 66 Sitze. In der Ersten Kammer (75 Sitze) verfügen sie über 22 Sitze.

    4. Über wie viele Sitze verfügen die anderen wichtigen Parteien im Parlament (mehr als 5 Sitze)?

    Zweite Kammer:

    • PVV (Partei für die Freiheit, rechts-populistisch, teilweise rechts-extrem): 26 Sitze
    • GroenLinks-PvdA (Bündnis der Grünen und der Sozialdemokratischen Partei): 20 Sitze
    • JA21 (Gesellschaftlich konservativ, wirtschaftspolitisch liberal): 9 Sitze
    • Forum voor Democratie (rechts-radikal): 7 Sitze

    Erste Kammer:

    • GroenLinks-PvdA: 14 Sitze
    • BBB: 12 Sitze
    • PVV: 4 Sitze
    • JA21: 3 Sitze

    5. JA21 und GroenLinks-PvdA sollen Mehrheitsbeschaffer sein. In welchen Punkten werden sie die Regierungskoalition unterstützen und wo bestehen die grössten inhaltlichen Differenzen?

    Unterstützung:

    • Defensivhaushalt – Beide Parteien befürworten die Erhöhung der Verteidigungsausgaben.
    • Bildungsinvestitionen – Rücknahme von Kürzungen im Bildungsbereich wird begrüsst.

    Differenzen:

    • Sozialleistungen – GroenLinks-PvdA lehnt Kürzungen bei Arbeitslosenhilfe und Rentenalter ab.
    • Umweltpolitik – JA21 ist skeptisch gegenüber strengen Stickstoffregeln, während GroenLinks-PvdA mehr Klimaschutz fordert.

    6. Warum wird die Regierung als „Minderheitsregierung“ bezeichnet?

    Die Koalition hat keine absolute Mehrheit in der Zweiten Kammer (66 von 150 Sitzen). Sie ist je nach Sachgeschäft auf die Unterstützung von Oppositionsparteien wie JA21 oder GroenLinks-PvdA oder anderer Parteien angewiesen, um Gesetze zu verabschieden.

    7. Wie reagieren die Gewerkschaften auf die Pläne der Regierung?

    Die Gewerkschaften kritisieren die Kürzungen bei Sozialleistungen und die Erhöhung des Renteneintrittsalters scharf. Sie befürchten, dass viele Haushalte in finanzielle Not geraten.

    8. Was sind die grössten Herausforderungen für die neue Regierung?

    • Mehrheiten finden – Ohne stabile Unterstützung im Parlament wird das Regieren schwierig.
    • Soziale Spannungen – Die Sparmassnahmen könnten zu Protesten führen.
    • Umsetzung der Umweltziele – Die Stikstoffpläne sind umstritten und könnten auf Widerstand stossen.

    9. Wie bewerten Beobachter die politische Kultur der neuen Koalition?

    Kritiker sehen im Koalitionsabkommen einen visionslosen Kompromiss, der vor allem auf Pragmatismus setzt. Die Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen politischen Lagern wird als schwierig, aber notwendig eingestuft.

  • EU-Mercosur Abkommen: 10 Fragen, 10 Antworten

    EU-Mercosur Abkommen: 10 Fragen, 10 Antworten

    Hier sind zehn wichtige Fakten zum Freihandelsabkommen EU-Mercosur, inklusive des Beginns der Verhandlungen und der wichtigsten Handelsdaten:

    • Wie lange dauerten die Verhandlungen über das Freihandelsabkommen?

    Die Verhandlungen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten (Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay) begannen vor gut 26 Jahren. Eine Grundsatzeinigung wurde bereits 2019 erreicht, doch erst im Dezember 2024 kam es zu einer grundsätzlichen politischen Einigung. Weil diverse EU-Staaten weiter Bedenken äusserten, das Handelsabkommen zu ratifizieren, schlug die EU-Kommission diverse Schutzklauseln vor, insbesondere für Importe von Agrargütern.

    • Wie viele Menschen werden Teil der Freihandelszone sein?

    Das Abkommen schafft die größte Freihandelszone der Welt mit über 715 Millionen Menschen (450 Mio. in der EU, 270 Mio. im Mercosur). Die Freihandelszone würde 20 Prozent des Welthandels und knapp ein Drittel der globalen Warenexporte abdecken.

    • Wie gross ist das Handelsvolumen zwischen der EU und den Mercosur-Ländern?

    Im Jahr 2024 betrug das Handelsvolumen zwischen der EU und dem Mercosur über 111 Mrd. Euro: 55,2 Mrd. Euro an Ausfuhren und 56 Mrd. Euro an Einfuhren.[1]

    • Welche Güter exportiert die EU hauptsächlich in die Mercosur-Länder?

    Die EU exportiert vor allem Industriegüter wie Autos, Maschinen, Chemie- und Pharmazeutika. Aktuell müssen für Autos, die in den Mercosur importiert werden, Zölle von bis zu 35 Prozent gezahlt werden – diese sollen mit dem Abkommen schrittweise fallen. Innerhalb von 15 Jahren sollen 91 Prozent der EU-Exporte zollfrei möglich sein.

    • Welches sind die wichtigsten Importgüter der EU aus den Mercosur-Ländern?

    Die EU importiert aus dem Mercosur vor allem Agrarprodukte wie Rindfleisch, Zucker, Ethanol und Rohstoffe wie Soja und Eisenerz. Für Rindfleisch gibt es feste Importquoten, um die europäische Landwirtschaft zu schützen. EU verspricht, über eine Periode von zehn Jahren, für 92 Prozent der Exporte aus den Mercosur-Staaten keine Zöller mehr zu erheben.

    • Warum wehren sich die europäischen Bauern gegen Rindfleischimporte aus Argentinien oder Brasilien?

    2024 importierte die EU 206.000 Tonnen Rindfleisch aus dem Mercosur, was weniger als 1,5 % der gesamten Rindfleischproduktion in Europa entspricht. Die EU ist insgesamt ein Nettoexporteur von Rindfleisch. Die europäischen Landwirte befürchten, dass wegen tieferer Umwelt-Standards die Importe stark steigen könnten und so die Absatzpreise der europäischen Rindfleischproduzenten unter Druck geraten könnten.[2]

    • Wer profitiert mehr vom EU-Mercosur-Freihandelsabkommen?

    Das Abkommen soll langfristig das Wirtschaftswachstum in beiden Regionen fördern, wobei die südamerikanischen Länder laut Modellsimulationen stärker profitieren könnte als Europa.

    • Weshalb äussern Umwelt- und Klimaschutzorganisationen Kritik am Abkommen?

    Kritiker befürchten, dass das Abkommen die Entwaldung des Amazonas-Regenwaldes beschleunigen und die globalen Treibhausgasemissionen erhöhen könnte, da die im Abkommen ausgehandelten Nachhaltigkeitsklauseln nicht ausreichend seien. Das Handelsabkommen erhöhe die Anreize neue Ackerbauflächen zu gewinnen, um mehr Agrargüter nach Europa zu exportieren.

    • Welche EU-Staaten sind gegen das Handelsabkommen?

    Einige EU-Mitgliedstaaten, insbesondere Frankreich, Ungarn, Österreich, Polen und zuletzt auch Italien, stehen dem Abkommen kritisch gegenüber und fürchten um die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Landwirte. Die Ratifizierung des Abkommens in der EU muss nicht einstimmig erfolgen, sondern erfordert nur eine Mehrheit im Rat der EU-Länder und im Europäischen Parlament.

    • Welche Bedeutung hat das Freihandelsabkommen für den Welthandel?

      Das Abkommen stärkt die wirtschaftliche Unabhängigkeit beider Blöcke und sendet ein Signal gegen wachsende Abschottungstendenzen der USA. Mit der Unterzeichnung des Abkommens will die EU auch ein Zeichen setzen, dass sie eine regelbasierte Welthandelsordnung verteidigen möchte.  


      [1] Quelle: https://www.consilium.europa.eu/de/infographics/eu-mercosur-trade/

      [2] Vgl. https://policy.trade.ec.europa.eu/eu-trade-relationships-country-and-region/countries-and-regions/mercosur/eu-mercosur-agreement/factsheet-eu-mercosur-partnership-agreement-opening-opportunities-european-farmers_de

    1. Europäische Union büsst «X» mit 120 Mio Euro

      Europäische Union büsst «X» mit 120 Mio Euro

      Der Kurznachrichten-Dienst “X” wird wegen drei Verstössen gegen den Digital Services Act der EU mit 120 Millionen Euro gebüsst.

      X nutzt ein trügerisches Design: Mit einem speziellen blauen Label wird bei den Nutzern suggeriert, bestimmte Konten des Dienstes würden als besonders glaubwürdig eingestuft.

      Die Untersuchungen der europäischen Aufsichtsbehörde ergab nun aber, dass dem nicht so ist. X gewährt zudem unabhängigen Forschenden keinen Zugang zu bestimmten Datenbanken, die ein Monitoring von Inhalten erlaubt, welche das EU-Gesetz vorschreibt. Dieses Monitoring würde Einblick gewähren, ob und wie X gegen Falsch-Informationen vorgeht.

      X verstösst auch gegen die Pflicht, Transparenz zu schaffen mit einer Werberegister-Datenbank. Dank einer solchen kann die Aufsichtsbehörde prüfen, nach welchen Kriterien Nutzerinnen mit personalisierter Werbung konfroniert werden und ob zum Beispiel politische Werbung vor Wahlen nationalen gesetzlichen Einschränkungen in Europa entsprechen.

      X hat nun 90 Tage Zeit, die Anpassungen vorzunehmen.

      Die Untersuchungen der EU gegen die Video-Plattform TikTok werden in einem ähnlichen Verfahren hingegen eingestellt. TikTok hat während der Untersuchungen der EU-Aufsichtsbehörde seine Praxis angepasst und technische Änderungen vorgenommen. Insbesondere geht es hier auch um das Einhalten von Transparenz-Vorschriften in Bezug auf personalisierte Werbung oder in Bezug auf das Entfernen von Falsch-Informationen von der Plattform.

      Gegen beide Internet-Anbieter laufen noch weitere Verfahren wegen Verstössen gegen den Digital Services Act der EU.

      Mit dieser ersten Millionen-Busse gegen X macht die EU-Behörde auch klar, dass sie sich von Drohungen der US-Regierung nicht verunsichern lassen will, geltendes EU-Recht im digitalen Binnenmarkt durchzusetzen.

      US-Präsident Trump hatte der EU mehrfach mit zusätzlichen, sachfremden Strafzöllen gedroht, sollte die EU ihre Gesetze nicht aufheben und US-Tech-Konzerne verurteilen. Die Antwort aus Brüssel auf solche Drohgebärden ist seit heute unmissverständlich.

    2. So verschärfen die EU-Länder ihr Asylrecht

      So verschärfen die EU-Länder ihr Asylrecht

      Die EU-Justiz- und Innenminister und Ministerinnen haben sich auf eine Liste von sichere Herkunftsländer geeinigt.

      Als sichere Herkunftsländer gelten innerhalb der EU:

      • alle Länder, die mit der EU über einen Beitritt verhandeln (Albanien, Montenegro oder die Türkei, Ukraine, Moldawien)
      • die nordafrikanischen Länder Marokko, Tunesien und Ägypten
      • die südasiatischen Staaten Indien und Bangladesch
      • Kolumbien

      Einzelne EU-Staaten können über diese allgemeingültige Liste weitere Länder als sichere Herkunftsländer festlegen.

      Asylgesuche von Menschen, die aus diesen sogenannt sicheren Herkunftsländern stammen werden in gesonderten, verkürzten Verfahren behandelt. Es erfolgt in jedem Fall eine Einzelfallprüfung. Asylsuchende können nicht automatisch abgeschoben werden,

      Sichere Drittstaaten

      Weiter stimmen die EU-Innenminister auch zu, dass einzelne EU-Staaten Asylsuchende in sogenannt sichere Drittstaaten schicken können. Asylsuchende würden in diesen Drittstaaten in speziellen Zentren (zum Beispiel in Uganda oder Albanien) untergebracht, um dort auf einen Asyl-Entscheid der EU zu warten.

      Auf diese Weise soll verhindert werden, dass Menschen mit Hilfe von Menschneschmugglern (Schlepper) versuchen, illegal nach Europa zu reisen etwa auf Booten über das Mittelmeer.

      EU-Staaten müssen hierfür mit entsprechenden Drittstaaten Verträge aushandeln, die gewisse Mindest-Standards erfüllen müssen.

      Dieses System soll das europäische Asylsystem entlasten, indem Menschen in Nicht-EU-Länder abgeschoben werden, um dort ihr Asylverfahren abzuwarten. Die Festlegung würde auch die Einrichtung von sogenannten Rückführungszentren in Drittstaaten erleichtern.

      Das war bisher nicht möglich. Neu müssen Asylsuchende also nicht mehr eine enge Verbindung zu einem solchen Drittstaat haben, etwa durch Familienangehörige oder weil sie sich dort länger aufgehalten haben.

      Ausgenommen von einem solchen Verfahren sind Minderjährige. Aber andere Schutzsuchende können demnach auch in Länder abgeschoben werden, in denen sie noch nie waren und zu denen sie keine familiäre, kulturelle oder sonstige Bindung haben.

      Solidaritätsmechanismus

      Die EU-Kommission bezeichnet nach einer Analyse Griechenland und Zypern, sowie Spanien und Italien als Länder die 2026 wegen eines hohen Migrationsdrucks Anrecht auf Solidarität anderer EU-Staaten haben.

      Innerhalb der EU sollen nun 21.000 Schutzsuchende umgesiedelt werden, um diese besonders unter Druck stehende EU-Staaten zu entlasten.

      Schweden, Portugal, Ungarn, Rumänien und Luxemburg sind Länder die in Folge des Solidaritätsmechanismus nun mehr Asylsuchende aufnehmen müssten als bisher.

      EU-Staaten können aber auch mit Solidaritätsbeiträgen wie Geld- oder Sachleistungen die unter Druck stehenden Länder oder andere EU-Staaten, die mehr Asylsuchende aufzunehmen bereit sind, abgelten.